Kim Schneiders Blog - youngvisions.net

Olympias Fratze

17. Februar 2010 - von Kim - 0 Kommentare - Artikel kommentieren

Ja, ich betrachte mich auch nach zehn Jahren Inaktivität und angesammelten Übergewicht als Sportler. Nicht, weil ich so gerne von irgendwelchen früheren Erfolgen im Sport erzähle, sondern, weil ich ein Sportlerherz habe. Sportlich fair, dabei sein ist alles, dem verdienten Sieger gratulieren, Emotionen, Freud und Leid.

Doch, wenn ich in die Medien schaue, wird mir dieser Tage ganz fürchterlich übel. Nicht nur, dass das IOC ohnehin den Ruf von Wahnsinn und Korruption und den Charme einer Mafia hat. Dazu kommt, dass natürlich kaum noch eine durchgehend weiße Weste bei auch nur irgendeiner Sportart zu vermuten ist.

Nein, was mich besonders stört ist diese widerliche Selbstverständlichkeit und der immense Druck, der dieses Jahr ganz besonders von den Medien, ja sogar den Trainern und Verbänden aufgebaut wird. Was lese ich da?

Man muss sich mittlerweile schon fragen, ob sich die Deutschen Topfavoriten in der Stadt am Pazifik gegenseitig anstecken, und ob so ein Olympisches Dorf wirklich für alle gesund ist. Wie Wolf, 31, die nicht weniger als Platz eins von sich erwartete, waren am Abend zuvor auch die Eistänzer Aljona Savchenko und Robin Szolkowy mit der Bürde eines designierten Olympiasiegers nicht zurecht gekommen. Auch für sie hatte nur der Titel gezählt. Ihr Trainer Ingo Steuer konnte sich das Maleur seiner Schützlinge nicht erklären, und auch Wolfs Coach Thomas Schubert konnte nicht mit Gründen für den Einbruch dienen: "Das müsst ihr sie schon selbst fragen. Wir haben heute Gold verloren."

Quelle: Stern-Artikel

Oder:

Es ist ein Gold, das eine ganze Mannschaft fest eingeplant hatte.

(Quelle: dito, oben)

Oder:

Auf die Rodler ist Verlass (...)

(Artikeleinleitung auf web.de)

Wer verlässt sich da auf wen? Schuldet der Sportler dem Fernsehzuschauer eine Medaille? Vielleicht allenfalls den Sponsoren. Meiner Meinung nach schuldet ein sportlicher Vertreter unserer Nation dem Volk wenn überhaupt nur eines: Dass er sein Bestes gibt.

Und nochmal der Stern:

Weiche Knie und Platz drei: Nach dem ersten Lauf deutete nicht viel auf einen Triumph von Tatjana Hüfner hin. Wie die ostdeutsche Rodlerin ihre Versagensängste in den Griff bekam und zu Gold fuhr - und warum Gold und Bronze für Deutschland nicht phänomenal sind.

(Quelle: Stern.de - Die Ängste der Gold-Rodlerinnen)

Ekelhaft.

Für mich hat das Ganze nicht nur Big-Brother-Niveau, sondern zeigt mir, dass Olympia ein ganz häßliches Gesicht angenommen hat. Früher hieß noch oft sehr glaubwürdig: Egal, welches Edelmetall, ich wäre überglücklich. Oder so ähnlich.

Nun führt Deutschland den ewigen Winter-Olympia-Medaillenspiegel an, und das sportliche und mediale Umfeld der Spitzensportler begibt sich auf Chinaniveau.

Für mich gewinnt Olympia damit endgültig den Charme und die Glaubwürdigkeit des Radsports. Dass sowas überhaupt noch im TV gezeigt wird, ist mir schleierhaft. Außerdem scheinen alle schon irgendwie vergessen haben, dass vor wenigen Tagen ein Olympionike bei einem tragischen Unfall sein Leben verlor. Und das vielleicht nur, weil die Glamour-Spiele unbedingt die schnellste Bahn aller Zeiten haben musste?

Von meiner Seite aus ein großes Danke an all unsere Sportler im fernen Vancouver, dass Ihr dazu beitragt, uns leidgeplagten Steuerzahlern in der Heimat aus unserer Duldungsstarre (Krise, Winter, unfähige Regierung...) zu reißen.

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